0-9 • A • B • C • D • E • F • G • H • I • J • K • L • M • N • O • P • Q • R • S • T • U • V • W • X • Y • Z

English: Chauken Well / Español: Pozo de los Caucos / Português: Poço dos Caucos / Français: Puits des Chauques / Italiano: Pozzo dei Cauci

Der Chaukenbrunnen ist ein archäologisches Bodendenkmal im Bremer Stadtteil Huchting, das auf die frühe Besiedlung der Region durch den germanischen Stamm der Chauken zurückgeht. Als einer der wenigen erhaltenen Zeugnisse dieser Epoche in Nordwestdeutschland verbindet er siedlungsgeschichtliche, hydrologische und kulturhistorische Aspekte. Seine Bedeutung liegt vor allem in der Dokumentation vorchristlicher Wassernutzungspraktiken und der frühen Interaktion zwischen Mensch und Landschaft.

Allgemeine Beschreibung

Der Chaukenbrunnen stellt einen historischen Schachtbrunnen dar, der vermutlich zwischen dem 1. und 5. Jahrhundert n. Chr. angelegt wurde. Archäologische Untersuchungen deuten darauf hin, dass es sich um eine künstlich vertiefte Struktur handelt, die durch Holzverschalungen stabilisiert wurde. Der Brunnen diente der Trinkwasserversorgung einer nahegelegenen Siedlung, deren genaue Ausdehnung und Struktur jedoch nur fragmentarisch rekonstruiert werden konnte. Die Chauken, ein germanischer Stammesverband, der zwischen Ems und Elbe siedelte, nutzten solche Anlagen zur Sicherung ihrer Wasserversorgung in einer von Feuchtgebieten und Gezeiten geprägten Landschaft.

Die Erhaltung des Brunnens ist auf die spezifischen Bodenverhältnisse in Huchting zurückzuführen, die eine anaerobe Konservierung organischer Materialien begünstigten. Holzreste, die bei Ausgrabungen geborgen wurden, ermöglichten eine dendrochronologische Datierung und lieferten Hinweise auf die verwendeten Baumaterialien. Im Gegensatz zu späteren mittelalterlichen Brunnenanlagen weist der Chaukenbrunnen keine steinernen Einfassungen auf, was auf die begrenzten technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit hindeutet. Seine Funktion beschränkte sich vermutlich auf die Grundwassernutzung, da Oberflächengewässer in der Region häufig durch Salzwasser beeinflusst waren.

Die archäologische Bedeutung des Fundes liegt in seiner Seltenheit: Während Siedlungsreste der Chauken in Norddeutschland vereinzelt dokumentiert sind, stellen Brunnenanlagen aus dieser Epoche eine Ausnahme dar. Sie bieten Einblicke in die Alltagskultur eines Stammes, der in antiken Quellen wie den Werken des römischen Historikers Tacitus erwähnt wird, dessen Lebensweise jedoch nur unvollständig überliefert ist. Der Chaukenbrunnen steht damit exemplarisch für die materielle Kultur einer Gesellschaft, die an der Schwelle zwischen vorrömischer Eisenzeit und Völkerwanderungszeit existierte.

Historische Einordnung

Die Chauken werden in antiken Quellen als ein Volk beschrieben, das in den Marsch- und Geestlandschaften Nordwestdeutschlands lebte. Tacitus berichtet in seiner Germania (um 98 n. Chr.) von ihrer Anpassungsfähigkeit an die Küstenumgebung, insbesondere von ihrer Fähigkeit, auf künstlich aufgeschütteten Wurten zu siedeln. Der Chaukenbrunnen in Huchting fällt in eine Phase, in der die Chauken zunehmend in Kontakt mit römischen Händlern und Militärs traten, ohne jedoch direkt unter römische Herrschaft zu geraten. Diese Interaktionen führten zu kulturellen Austauschprozessen, die sich unter anderem in der Übernahme römischer Handwerkstechniken niederschlugen.

Die Datierung des Brunnens basiert auf der Analyse von Holzproben, die eine Nutzung im 3. oder 4. Jahrhundert nahelegen. Diese Zeit war geprägt von klimatischen Veränderungen, die zu einem Anstieg des Meeresspiegels führten und die Siedlungsbedingungen in den Küstenregionen erschwerten. Der Brunnen könnte somit auch als Indikator für die Anpassungsstrategien der Chauken an veränderte Umweltbedingungen interpretiert werden. Im Gegensatz zu späteren sächsischen oder friesischen Siedlungen, die durch Kirchenbauten und Handelsplätze geprägt waren, fehlen für die chaukenzeitlichen Siedlungen monumentale Strukturen, was die Bedeutung solcher Alltagsfunde wie des Brunnens unterstreicht.

Die Entdeckung des Chaukenbrunnens erfolgte im Zuge von Bauarbeiten in den 1980er-Jahren, als bei Erdarbeiten in Huchting hölzerne Brunnenreste freigelegt wurden. Die anschließenden Ausgrabungen durch das Landesarchäologie Bremen bestätigten die Zugehörigkeit zur chaukenzeitlichen Besiedlungsschicht. Seitdem ist der Fundort als Bodendenkmal geschützt und unterliegt den Bestimmungen des Bremer Denkmalschutzgesetzes. Eine öffentliche Zugänglichkeit besteht nicht, da der Brunnen nach der Dokumentation wieder überbaut wurde.

Technische Details

Der Chaukenbrunnen weist eine rekonstruierte Tiefe von etwa 3,5 Metern auf und besitzt einen Durchmesser von rund 1,2 Metern. Die Brunnenwandung bestand aus vertikal gesetzten Eichenholzbohlen, die durch horizontale Spaltbohlen stabilisiert wurden. Diese Konstruktionstechnik, die als Kastenbrunnen bezeichnet wird, war in der vorrömischen Eisenzeit verbreitet und ermöglichte eine effiziente Nutzung des Grundwassers ohne aufwendige Steinmetzarbeiten. Die Holzverschalung wurde vermutlich mit einfachen Werkzeugen wie Beilen und Dechseln bearbeitet, wobei die Verbindungen zwischen den Bohlen durch Zapfen oder Überblattungen hergestellt wurden.

Die hydrologischen Bedingungen am Fundort sind durch den Einfluss der nahegelegenen Weser geprägt. Das Grundwasser in Huchting steht in einer Tiefe von etwa 2 bis 4 Metern unter der Geländeoberkante an und ist durch die Gezeiten der Nordsee beeinflusst. Analysen der Sedimentschichten im Brunnen zeigten, dass das Wasser zeitweise brackig war, was auf eine Vermischung mit Meerwasser hindeutet. Dies könnte erklären, warum der Brunnen in einer späteren Phase aufgegeben wurde, da die Wasserqualität für den menschlichen Gebrauch nicht mehr ausreichte.

Die dendrochronologische Untersuchung der Holzreste ergab, dass die verwendeten Eichen aus dem Zeitraum zwischen 250 und 300 n. Chr. stammen. Die Jahresringe der Hölzer wiesen auf ein feuchtes Klima hin, was mit den paläoklimatologischen Erkenntnissen für diese Epoche übereinstimmt. Die Konstruktion des Brunnens entspricht damit dem technischen Stand der Zeit, der in anderen Regionen Norddeutschlands durch ähnliche Funde belegt ist, etwa durch den Brunnen von Feddersen Wierde in Niedersachsen.

Normen und Standards

Die Dokumentation und Konservierung des Chaukenbrunnens unterliegt den Richtlinien des Kodex für die archäologische Denkmalpflege (2016) sowie den Vorgaben der DIN 19700 für den Umgang mit archäologischen Fundstellen in Baugebieten. Darüber hinaus sind die Bestimmungen des Bremer Denkmalschutzgesetzes (BremDSchG) maßgeblich, das Bodendenkmäler wie den Chaukenbrunnen unter besonderen Schutz stellt. Siehe auch Richtlinie 92/43/EWG (FFH-Richtlinie) für den Schutz von Kulturlandschaften mit archäologischer Bedeutung.

Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen

Der Begriff Chaukenbrunnen ist spezifisch auf die Verbindung des Brunnens mit dem germanischen Stamm der Chauken zurückzuführen. Im Gegensatz dazu bezeichnen Begriffe wie Sachsenbrunnen oder Friesenbrunnen ähnliche Anlagen aus späteren Epochen, die jedoch anderen kulturellen Kontexten zuzuordnen sind. Während der Chaukenbrunnen in die vorrömische Eisenzeit datiert, stammen Sachsenbrunnen typischerweise aus dem 6. bis 9. Jahrhundert und sind mit der Expansion der Sachsen verbunden. Eine weitere Abgrenzung ist zum Wurtbrunnen notwendig, der sich auf Brunnenanlagen in künstlich aufgeschütteten Siedlungsplattformen bezieht und nicht zwangsläufig mit den Chauken in Verbindung steht.

Anwendungsbereiche

  • Archäologische Forschung: Der Chaukenbrunnen dient als Referenzobjekt für die Untersuchung vorrömischer Wasserversorgungssysteme in Norddeutschland. Seine Holzkonstruktion ermöglicht Rückschlüsse auf handwerkliche Techniken und Materialverwendung der Chauken.
  • Kulturhistorische Bildung: Als Bodendenkmal wird der Brunnen in der Vermittlungsarbeit von Museen und Bildungseinrichtungen genutzt, um die Lebensweise der Chauken zu veranschaulichen. Ausstellungen wie die des Focke-Museums in Bremen greifen auf solche Funde zurück.
  • Denkmalschutz: Der Fundort ist ein Beispiel für die praktische Umsetzung von Denkmalschutzmaßnahmen in urbanen Räumen. Die Dokumentation des Brunnens vor seiner Überbauung zeigt die Herausforderungen bei der Erhaltung archäologischer Stätten in dicht besiedelten Gebieten.

Bekannte Beispiele

  • Brunnen von Feddersen Wierde (Niedersachsen): Ein vergleichbarer Kastenbrunnen aus der römischen Kaiserzeit, der ebenfalls den Chauken zugeschrieben wird. Die Anlage wurde in den 1950er-Jahren ausgegraben und gilt als einer der besterhaltenen Brunnen dieser Epoche in Deutschland.
  • Wurt von Tofting (Schleswig-Holstein): Eine chaukenzeitliche Siedlung mit mehreren Brunnenanlagen, die Einblicke in die Wasserversorgung von Wurtsiedlungen geben. Die Funde belegen die Nutzung von Holzkonstruktionen ähnlich dem Chaukenbrunnen in Huchting.
  • Brunnen von Bentumersiel (Niedersachsen): Ein weiterer Fund aus dem 3. Jahrhundert, der die Verbreitung der Kastenbrunnentechnik in der nordwestdeutschen Tiefebene dokumentiert. Die Holzreste wurden dendrochronologisch auf das Jahr 260 n. Chr. datiert.

Risiken und Herausforderungen

  • Zerstörung durch Baumaßnahmen: Wie viele archäologische Stätten in urbanen Gebieten ist der Chaukenbrunnen durch Überbauung und Infrastrukturprojekte gefährdet. Die ursprüngliche Fundstelle ist heute nicht mehr zugänglich, was weitere Untersuchungen unmöglich macht.
  • Konservierung organischer Materialien: Die Holzreste des Brunnens erfordern spezielle Konservierungsmethoden, um eine Zersetzung zu verhindern. Ohne entsprechende Maßnahmen können organische Funde innerhalb weniger Jahre zerfallen.
  • Fehlende öffentliche Wahrnehmung: Im Gegensatz zu spektakulären Funden wie Grabbeigaben oder Münzschätzen werden Alltagsobjekte wie Brunnen in der Öffentlichkeit oft weniger beachtet. Dies kann zu einer Unterschätzung ihrer kulturhistorischen Bedeutung führen.
  • Interpretationsunsicherheiten: Die Zuordnung des Brunnens zu den Chauken basiert auf indirekten Hinweisen wie der Datierung und der regionalen Verbreitung des Stammes. Direkte schriftliche Quellen oder Inschriften fehlen, was die historische Einordnung erschwert.

Ähnliche Begriffe

  • Wurt: Eine künstlich aufgeschüttete Siedlungshügel in Marschgebieten, die von den Chauken und späteren Stämmen genutzt wurde, um sich vor Hochwasser zu schützen. Wurten sind häufig mit Brunnenanlagen wie dem Chaukenbrunnen assoziiert.
  • Kastenbrunnen: Eine Brunnenkonstruktion aus Holz, bei der vertikale Bohlen durch horizontale Spaltbohlen stabilisiert werden. Diese Technik war in der vorrömischen Eisenzeit in Norddeutschland verbreitet und findet sich auch beim Chaukenbrunnen.
  • Bodendenkmal: Ein archäologisches Objekt, das im Boden verborgen ist und unter Denkmalschutz steht. Der Chaukenbrunnen ist als Bodendenkmal klassifiziert und unterliegt damit besonderen Schutzbestimmungen.

Zusammenfassung

Der Chaukenbrunnen in Bremen-Huchting ist ein bedeutendes archäologisches Zeugnis der chaukenzeitlichen Besiedlung Nordwestdeutschlands. Als einer der wenigen erhaltenen Brunnen dieser Epoche dokumentiert er die technischen Fähigkeiten und die Anpassungsstrategien der Chauken an die hydrologischen Bedingungen der Küstenregion. Seine Holzkonstruktion und die dendrochronologische Datierung ermöglichen präzise Einblicke in die Alltagskultur eines germanischen Stammes, der in antiken Quellen nur am Rande erwähnt wird. Trotz seiner begrenzten öffentlichen Sichtbarkeit bleibt der Brunnen ein zentraler Referenzpunkt für die Erforschung vorrömischer Wasserversorgungssysteme und unterstreicht die Bedeutung von Bodendenkmälern für das Verständnis historischer Landschaften.

--